Der franzosische ITDienstleister erstellt Spielplane, organisiert Olympia und stellt die alte auf die digitale Welt um. GroB geworden ist er durch Siemens.
Von Rüdiger Koh

Es gibt englische Fußballfans, die richten ihr Leben ganz auf den Spielplan der Spitzenliga Premier League aus und fiebern vor Saisonbeginn der Verôffentlichung der Termine entgegen – was dieser Tage geschehen ist. Und weil das komplex ist, sorgen Computerprogramme für einen korrekten Ablauf. Banal sind die zu berücksichtigenden Kriterien nicht. Schließlich hat jeder Fuß ballverein innerhalb von fünf Spieltagen jeweils zwei Heimspiele und drei Auswartsspiele oder umgekehrt zu bewaltigen. Kein Klub darf zweimal hintereinander zu Hause oder auswarts spielen. Termine anderer Sportereignisse werden berücksichtigt, etwa wenn es um die Rugby- Weltmeisterschaft geht, die in Fußballstadien stattfindet. Auch Erfordernisse für die Sicherheit und für die Verkehrssituation fließen in die Planungen ein.

Mit der English Football League, die die Profi-Ligen unterhalb der Premier League abdeckt, erstellt Atos die Plane für insgesamt 2036 Spiele der Saison 2017/2018. Seit 25 Jahren übernimmt der franzosische Dienstleister für lnformationstechnik diese Aufgabe. Dabei hatte es ihn 1992, ais die Premier League gegründel wurde, noch gar nicht gegeben. Die Gruppe enlstand im Jahr 2000 aus der Fusion der franzôsischen Atos und der niederlandischen Origin. Erst mit dem Erwerb der franzôsischen Sema Group 2004 gelang der Einstieg in ein lukratives Geschaft mit dem englischen Fußball.

Gleiches gilt für die Olympischen Spiele, die Sema erstmals mit dem WinterSportfest in Salt Lake City 2002 betreute. Atos übernahm ais IT-Dienstleister im  Hintergrund die Systemablaufe. Die Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang Anfang 2018 werden zum ersten Mal komplett über externe Datenzentren (Cloud) abgewickelt, die tei lweise schon 2016 in Rio de Janeiro eingesetzt wurden. Ais gesamtverantwortlicher Systemintegrator wird Alos auch bei den Sommerspielen in Tokio 2020 und den Winterspielen 2022 in Peking dabei sein. Die Verga be der Sommerspiele für 2024 steht noch aus. Ein Traum würde mit dem Zuschlag für Paris in Erfüllung gehen.

Die Franzosen, die sich als ,,führender Anbieter digitaler Services” verstehen, liefern alle nôtigen Systeme, die die Spiele erst môglich machen. Die Zeitmessung der Wettkampfe muss nach 0,2 Sekunden, quasi in Echtzeil, für Sporlrichter und Medien zur Verfügung slehen. ln Rio de Janeiro etwa gab es 8 Milliarden Zugriffe auf mobilen Endgeraten, um die bereitgestellten lnformationen abzurufen. Die Akkreditierung von Medienvertretern erfolgt ebenso über das Netzwerk wie die Sicherheitstechnik, sei es bei einem Feueralarm oder bei môglichen Cyber- oder Terrorattacken. Von der Organisation der Spiele selbst einmal abgesehen, sei Olympia zehnmal komplizierter ais eine Fußball-Wellmeisterschaft, sagt Winfried Holz, der Vorstandsvorsitzende von Atos Deutschland. Grund seien die vielen Sportdisziplinen und die damit verbundene komplexe Terminsteuerung.

Premier League und Olympische Spiele sind zwei kleine, aber greifbare Beispiele, wie ein IT-Konzern mit heute 12 Milliarden Euro Umsatz und mehr ais 100 000 Beschaftigten in 15 Jahren zu einer ernstzunehmenden Große auf einem hart umkampften Markt geworden isl – durch kontinuierliches Zukaufen. Die Akquisitionsliste ist lang: 2011 die ITDienstleistungen von Siemens (Siemens Business Services, SBS); 2014 der franzôsische Computerhersteller Bull; 2015 die IT-Servicesparte der amerikanischen Xerox; 2016 der einst zu Siemens gehôrende Anbieter von Kommunikationstechnik für Firmen kunden Unify; 2016 der Medizinlechnik-Dienstleister Anthelio aus Amerika.

Wo andere Unternehmen Probleme haben, Zukaufe zu verwirklichen, entwickelt Atos ein glückliches Handchen. ,,Wir haben große Integrationsfühigkeiten bewiesen”, sagt Holz im Gesprach mit dieser Zeitung. ,,Alle Zukaufe haben wir erfolgreich eingebunden.” Mehr noch: ,,Wir haben mit ihnen Mehrwert geschaffen.” So sind die Franzosen im ITServicegeschaft in Europa hinter lBM zur Nummer zwei geworden, deutlich vor Accenture, Capita, Hewlett Packard Enterprise (HPE) und Capgemini.

Dank des Erwerbs der Siemens-Aktivitaten ist Deutschland mit 2 Milliarden Euro Umsatz und 12 000 Mitarbeitern eine starke Saule im Konzern. Hierzulande liegen die Franzosen hinter der T-Systems der Deutschen Telekom auf Rang zwei , vor IBM, Fiducia, Accenture und HPE. Ais Anbieter von Rechnern und Rechenzentren sieht sich Atos zudem mit Konkurrenten wie Cisco, Dell, Cray, Hitachi , NEC und Fujitsu konfrontiert.

,,Die Akquisitionen werden weitergehen”, kündigt Holz an. Man kann es sich angesichts der operaliven Ertragsstarke mit einer Umsatzrendite von 9,4 Prozent leisten. ,,Atos ist schuldenfrei und hat fast eine halbe Milliarde Euro Bargeld in der Kasse.” Der Deutschland-Chef, einst ein Siemens-Mann und mit der Übernahme von SBS gewechselt, erwartet, dass sich noch einiges tun wird. ,,ln der Branche wird sich der Konsolidierungsprozess fortsetzen, was wegen der Skaleneffekte und des Erwerbs von Technologiewissen auch notwendig ist.” Und die Fülle der Anwendungen für die angebotenen Technologien nehme noch kraftig zu, sagt er mit Blick auf das Internet der Dinge und das autonome Fahren. ,,Es wird noch viele Chancen im Geschaft geben, und viele Golden Nuggets werden auszugraben sein.”

Atos-Vorstandsvorsitzender Thierry Breton, von 2005 bis 2007 Frankreichs Wirlschaftsminister, hat das Bestmôgliche aus der Zusammenarbeit mit Siemens gemacht. Ohne die Unterstützung des Münchner Technologiekonzerns ware Atos womoglich nicht so weit gekommen . Umgekehrt haben die Franzosen ihren deutschen Partnern sehr geholfen. Mit dem Erwerb von SBS Mitte 2011 hat sich Atos eines ais unheilbar angesehenen Dauerpatienten angenommen und Siemens von großer Last befreit.

Das haben die Münchner mit einem Zuschuss von 900 Millionen Euro versüßt. Sie vergaben zusatzlich langfristige Serviceauftrage über zunachst 5,5 Milliarden Euro bis 2018 an die Franzosen, stiegen zudem ais Kernaktionar mit 15 Prozent bei Alos ein. Auch so hat sich für Siemens die Parlnerschafl schon gelohnt. Eine zwischenzeitlich veraußerte Wandelanleihe brachte einen Gewinn von 50 Millionen Euro. Dadurch sank der Antei l des großten Einzelaktionars auf 12 Prozent. Das ist aber kein Problem, denn nebenbei hat sich der Aktienwert von Atos seit dem Einstieg verdreifacht.

Noch einmal reifte Atos für Siemens zum Retter, ais der misslungene Verkauf von Unify an den amerikanischen Finanzinvestor The Gores nach Jalu·en wieder rückabgewickelt werden musste. Aus 3,2 Milliarden Euro Umsatz und 14 000 Mitarbeitern bei Verkauf an Gores im Jahr 2008 verblieben 1,2 Milliarden Euro und 5600 Beschaftigte. Atos sprang ein. lm Gegenzug verlangerte Siemens den IT-Auftrag bis Ende 2021 , das Ordervolumen erhôhte sich seit Beginn der Partnerschaft auf 8,7 Milliarden Euro. Siemens bleibl der mit Abstand grôßte Kunde, doch sinken der Umsatzanteil und damit die Abhangigkeit. ,,

Die Aufträge von Siemens sind für uns eine technologische Herausforderung” , sagt Holz. Dazu gehôrte die Umstellung alter SAP-Systeme auf die Cloud-Lôsung Hana, was 15 Monate dauerte und im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde. Solche Projekte sichern aber auch die Grundlast für Atos zu auskômmlichen, sprich attraktiven Konditionen ab. So kann der franzôsische Konzern auf den internationalen Markten beherzter agieren.

Unify passte auf den ersten Blick überhaupt nicht ins Konzept; mit einem Angebot wenig zukunftslrachtiger professioneller Telefonanlagen. Ursprünglich war Atos daher nur an der mittelstandisch gepragten Kundschaft mit dem Servicegeschaft für Großkunden interessiert. Der Produktbereich sollte abgesto/3en werden. Es stellte sich heraus, dass Unify durchaus Produkte entwickelt, sie aber nicht auf den Markt gebracht habe, die in ein Konzept moderner, vernetzter Kommunikation passten, sagt Holz. Daher gilt seit Januar: Alles bleibt, es kommt zur Vollintegration. Von der Funktion des Türôffners einmal abgesehen: ,,Mit Unify erhalten wir einen besseren Zugang zu mittelstandischen Kunden”, erklart der Deutschland-Chef die Strategie. ,,Mit ihnen werden immer mehr Geschafte im Bereich der Digitalisierung und der Cloud gemacht; wir haben somit eine für uns wichtige Kundenbasis erworben.” Marktzugang war ebenso ein Grund für den Xerox-Erwerb. Nordamerika, wo Atos bis dato keine besondere Position hatte, ist nun der großte Einzelmarkt im Konzern und bat Deutschland verdrangt. ,,Xerox”, sagt Holz, ,,ist wie eine Eintrittskarte in den amerikanischen Markt.”