Frankfurter Allgemeine Zeitung

Von Thierry Breton und Roland Busch 

Die zu Beginn dieses Jahres erlassene Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist ein wichtiger Schritt zum Schutz der Privatsphäre der europäischen Bürger – viele andere Länder nehmen sie zum Vorbild und erwägen eigene Bestimmungen. Zu den wichtigsten Neuerungen gehört, dass die Nutzer der Verwendung ihrer personenbezogenen Daten ausdrücklich zustimmen müssen. Das gilt selbstverständlich für soziale Netzwerke, aber auch – was weit weniger bekannt ist – für industrielle Anwendungen wie zum Beispiel Gesundheits-Apps, vernetzte Fahrzeuge oder intelligente Stromzähler. Diese „gemischten“ Daten – sowohl persönliche als auch industrielle – bergen enorme Chancen für die Digitalisierung der Industrie.

 

Die Vernetzung industrieller Komponenten und die Nutzung der daraus gewonnenen Daten bieten erhebliches Wachstumspotential. Bis zum Jahr 2030 sollen Digitalisierung und intelligente Automatisierung 14 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums ausmachen. Das entspricht einem Wertzuwachs von 14 Billionen Euro. Um an Wachstum und neu geschaffenen Arbeitsplätzen partizipieren zu können, muss sich Europa auf Branchen konzentrieren, in denen es schon stark aufgestellt ist, wie Produktions- und Anlagenautomatisierung, Energieerzeugung und Verteilung über intelligente Netze und natürlich der gesamte Mobilitätssektor.

 

Industrielle digitale Plattformen wie Mindsphere von Siemens spielen eine Schlüsselrolle dabei, wie Unternehmen Daten sammeln, teilen und in neue Geschäftsmodelle einfließen lassen. Durch die Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungs- und Versorgungskette in Unternehmen aller Größen haben diese Plattformen das Potential, ein wesentlicher Bestandteil der Wirtschaft von morgen zu werden und die digitale Transformation unserer Unternehmen voranzutreiben. Entscheidend für den Erfolg dieses Ökosystems: Alle Beteiligten müssen sich darauf einigen, bestimmte industrielle Daten mit ihren Partnern zu teilen.

 

Dieser Datenaustausch erfolgt nur, wenn eine Vertrauensbasis für die digitale Wirtschaft existiert. Aber diese Vertrauensbasis kann nicht von einem einzelnen Akteur geschaffen werden, sie kann nur durch Zusammenarbeit auf allen Ebenen entstehen. Verbraucher und Unternehmen müssen digitalen Technologien vertrauen können und überzeugt sein, dass ihre Daten sicher sind – andernfalls schrecken sie vor Digitalisierungsprozessen zurück, die somit nicht ihr volles Potential entfalten können. Digitalisierung und Cybersicherheit sind die zwei Seiten derselben Medaille.

 

Auch private Verbraucher, die laut DSGVO Besitzer ihrer Daten sind, werden der Nutzung dieser „gemischten Daten“ durch Industrieunternehmen ohne breites Vertrauen in das Ökosystem nicht zustimmen. Das Beispiel der intelligenten Stromzähler spricht hier deutliche Worte. Nur ein kleiner Prozentsatz der Verbraucher erlaubt die Nutzung ihres Verbrauchsprofils. Ähnliches wird für vernetzte und autonome Fahrzeuge sowie für die europäische elektronische Krankenakte erwartet. Beides erfordert die ausdrückliche Zustimmung des Nutzers zur Weitergabe personenbezogener Daten. In diesen hochsensiblen Bereichen darf die Sicherheit niemals gefährdet werden.

 

Obwohl die vorherige Zustimmung zur Weitergabe personenbezogener Daten in den Vereinigten Staaten oder in China nicht erforderlich ist, hat Europa einen vorsichtigeren Ansatz gewählt, der die Zustimmung für alle Arten von gemischten Daten erfordert. Das könnte sich jedoch als Risiko für die Digitalisierung der Industrie in Europa erweisen. Um sowohl den Schutz der Privatsphäre als auch Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen in der Industrie sicherzustellen, müssen wir ein flexibles und sicheres Datenrahmenwerk definieren, einschließlich Datenhoheit und Datennutzungskontrolle. Zum Beispiel müssten Einzelpersonen zuerst eine allgemeine Zustimmung zur Zugriffskontrolle ihrer Daten geben, mit hochdetaillierten Richtlinien, die genau definieren, wie Daten weiterbehandelt werden.

 

Eine solche grundlegende Zustimmung erfordert jedoch Vertrauen. Ebendieses Vertrauen in eine sichere digitale Welt zu schaffen ist der Grund, warum Siemens zusammen mit mehreren großen Technologiepartnern, darunter Atos, die Charta of Trust ins Leben gerufen hat. Diese Initiative ist die auf der ganzen Welt Erste ihrer Art. Sie zielt darauf ab, die Daten von Einzelpersonen und Unternehmen zu schützen, Schäden für Menschen, Unternehmen und Infrastruktur zu verhindern und eine verlässliche Grundlage zu schaffen, auf der das Vertrauen in eine vernetzte, digitale Welt Wurzeln schlagen und wachsen kann. Wir sind überzeugt, dass es an der Zeit ist, tragfähige Cybersicherheitsstandards auf europäischer und internationaler Ebene zu etablieren und verbindliche Governance-Regeln für die neue Welt der Daten zu definieren. Nur so können wir sicherstellen, dass wir alle gleichermaßen von den Vorteilen der vierten industriellen Revolution profitieren werden.

 

Thierry Breton, CEO von Atos, und Roland Busch, Chief Operating Officer von Siemens