Das französische IT-Unternehmen will die Forschung fördern und Dienstleistungen für die Industrie verbessern.

Im vergangenen Jahr überraschte der kanadische Premierminister Justin Trudeau Journalisten auf einer Pressekonferenz mit einer klaren Definition von Quanten-Computing. Auch Emmanuel Macron will sich dieser Aufgabe stellen. So kündigte die französische Firma Atos am Dienstag (Anfang Juli) die Einführung eines Quantensimulators mit dem Namen „Atos Quantum Learning Machine“ (Atos QLM) an. Dieser soll  Forschern, Studenten und Ingenieuren helfen, neuartige Anwendungen und Sprachen zu entwickeln sowie neue Algorithmen zu testen. „Wir bereiten die Zukunft des Computing vor”, bestätigte Thierry Breton, CEO von Atos, der französischen Zeitung Le Figaro.

Priorität für die Forschung

Ein Quantencomputer unterscheidet sich von einem herkömmlichen Computer. Während letzterer Berechnungen auf binären Daten (0 oder 1) ausführt und sie nacheinander liest, kann ein Quantencomputer mehrere Werte simultan bearbeiten. Diese Art von Rechner führt Operationen viel schneller durch und beansprucht dadurch weniger Ressourcen als die heute genutzten Systeme. Viele Unternehmen versuchen, einen Quantencomputer zu bauen. Dieser lange, teure und komplexe Prozess hat bisher jedoch noch keine kommerziell nutzbaren universellen Systeme für die breite Öffentlichkeit hervorgebracht.

Auch Atos hat keinen Quantencomputer gebaut, sondern einen Simulator. Dieser ist in der Lage, einen Teil seiner Rechenkapazität zu reproduzieren. „Ein Simulator ist eine herkömmliche Maschine, die zeigt, was mit einem Quantencomputer möglich wäre“, sagt Anthony Leverrier, Forscher am INRIA. „Das ist nicht maßstäblich, sondern zum Testen von Anwendungen und Algorithmen, die eines Tages von Quantencomputern genutzt werden könnten.“

Ähnlich wie Atos hat auch Microsoft einen Quantencomputer-Simulator entwickelt. Aber die meisten Unternehmen der Branche konzentrieren sich auf Hardware, wie die kanadische Firma D-Wave (in Zusammenarbeit mit Google und der NASA) oder IBM. Letztere hat einen kleinen Quantencomputer gebaut, der online für Forscher verfügbar ist. Andere wiederum fokussieren sich auf die Forschung: Intel hat zusammen mit der Universität Delft in den Niederlanden 45 Millionen US-Dollar in ein Forschungszentrum investiert.

Industrielle Anwendungen

Das Quanten-Computing- Programm von Atos für die Industrie startete im November 2016. Dafür hat das Unternehmen einen wissenschaftlichen Rat gegründet, der zweimal im Jahr die Fortschritte seiner Ingenieure diskutiert. Zu diesem Rat gehören unter anderem Cédric Villani, Mathematiker und unlängst zum Abgeordneten gewählt, Serge Haroche, Nobelpreisträger für Physik, und Daniel Estève, Forschungsdirektor bei der Kommission für Atomenergie und alternative Energien (CEA), einem der Partner von Atos in diesem Bereich.

Über die Forschung hinaus können Quantencomputer auch für industrielle Anwendungen genutzt werden. Sie bieten Datenverarbeitungskapazitäten, die für sehr rechenintensive Programme geeignet sind, wie künstliche Intelligenz, Finanzen oder Wettervorhersagen. Atos will zudem seine Forschung in den Dienst der Sicherheit im Internet setzen, einer Kernkompetenz des Unternehmens. Das europäische Unternehmen arbeitet an Quantenverschlüsselungsalgorithmen, die gewaltigen künftigen, von Quantencomputern ausgehenden Cyber-Attacken standhalten können. „Es gibt eine starke Verbindung zwischen Cyber-Sicherheit und Quanten-Computing“, versichert Thierry Breton. „Wir wollen zeigen, dass wir in Europa alles haben, was nötig ist, um uns online zu schützen.“

Atos investiert seit mehreren Jahren in Supercomputer. Das Unternehmen kaufte  2014 Bull, spezialisiert auf Rechenzentren und IT-Infrastruktur. In den letzten 12 Monaten verkaufte Atos 70 Supercomputer. Zwanzig dieser Computer finden sich unter den TOP500 der leistungsstärksten Supercomputer der Welt. Diese Liste wird ansonsten von US-amerikanischen, chinesischen und japanischen Anbietern beherrscht.

Von Lucie Ronfaut.